In deutschen Wäldern und auf heimischen Wiesen wächst ein kulinarischer Schatz, der in der modernen Küche oft übersehen wird: Wildkräuter und Wildfrüchte, die Basis für einen intensiven, selbstgemachten Wildjus. Während industriell hergestellte Saucen mit Geschmacksverstärkern und Konservierungsstoffen arbeiten, offenbart der hausgemachte Wildjus eine Aromentiefe, die jeden Gourmet begeistert. Jus bezeichnet eine konzentrierte, durch langes Reduzieren gewonnene Sauce ohne Mehlbindung. Die Herstellung erfordert Geduld und hochwertige Zutaten, doch das Ergebnis übertrifft jede Fertigsauce um Längen. Diese Zubereitung verbindet traditionelles Handwerk mit modernem Küchenverständnis und zeigt, wie aus einfachen Zutaten Außergewöhnliches entstehen kann.
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Zutaten
Utensilien
Zubereitung
1. Vorbereitung der Pilze und Beeren
Die getrockneten Steinpilze in 300 ml warmem Wasser für 20 Minuten einweichen. Das Einweichwasser nicht wegschütten, es enthält wertvolle Aromastoffe. Die Pilze anschließend aus dem Wasser nehmen, grob hacken und beiseite stellen. Das Einweichwasser durch ein feines Sieb gießen, um Sandkörner zu entfernen. Die getrockneten Preiselbeeren ebenfalls in 100 ml warmem Wasser einweichen.
2. Rösten der Gewürze
Die Wacholderbeeren im Mörser leicht andrücken, damit sie ihr Aroma besser entfalten können. Andrücken bedeutet, die Beeren nur leicht zu quetschen, nicht zu pulverisieren. In einem großen Kochtopf ohne Fett die angedrückten Wacholderbeeren, die schwarzen Pfefferkörner und die getrockneten Schalotten bei mittlerer Hitze 2-3 Minuten rösten, bis ein intensiver Duft aufsteigt. Dabei ständig rühren, damit nichts anbrennt.
3. Ansatz der Basis
Das Tomatenmark zu den gerösteten Gewürzen geben und unter ständigem Rühren 2 Minuten mitrösten. Dadurch verliert das Tomatenmark seine rohe Säure und entwickelt eine angenehme Süße. Mit dem Rotwein ablöschen und die Flüssigkeit bei starker Hitze um die Hälfte einkochen lassen. Dieser Vorgang dauert etwa 8-10 Minuten.
4. Zugabe der Hauptzutaten
Die gehackten Steinpilze, das Pilzeinweichwasser, die eingeweichten Preiselbeeren mit ihrer Flüssigkeit, die Rinderbrühe, die Lorbeerblätter und den getrockneten Thymian hinzufügen. Alles zum Kochen bringen, dann die Hitze reduzieren und den Jus bei schwacher Hitze ohne Deckel für mindestens 2,5 Stunden köcheln lassen. Köcheln bedeutet, dass die Flüssigkeit nur ganz leicht blubbert, nicht sprudelnd kocht.
5. Reduzieren und Konzentrieren
Während des Köchelns regelmäßig umrühren und den sich bildenden Schaum mit einer Schöpfkelle abschöpfen. Die Flüssigkeit sollte sich auf etwa ein Drittel der ursprünglichen Menge reduzieren. Je länger der Jus kocht, desto intensiver wird der Geschmack. Wenn die gewünschte Konsistenz erreicht ist, den Topf vom Herd nehmen.
6. Durchseihen und Verfeinern
Den Jus durch ein feines Sieb in einen sauberen Topf gießen. Mit einem Löffel die festen Bestandteile im Sieb ausdrücken, um alle Aromastoffe zu gewinnen. Den durchgeseihten Jus zurück auf den Herd stellen und den Honig sowie den Balsamico-Essig einrühren. Mit Salz abschmecken. Die Butter in kleinen Stücken unter ständigem Rühren einarbeiten, bis eine glänzende, samtige Sauce entsteht. Montieren nennt man diesen Vorgang in der Profiküche.
7. Abfüllen und Aufbewahren
Den fertigen Wildjus in sterilisierte Glasflaschen oder Schraubgläser füllen. Im Kühlschrank hält sich der Jus etwa 2 Wochen. Für längere Haltbarkeit kann der Jus auch portionsweise eingefroren werden. Vor der Verwendung kurz erwärmen und bei Bedarf mit etwas Wasser oder Brühe strecken.
Tipp vom Chefkoch
Für noch mehr Tiefe können Sie dem Jus 10 g getrocknete Morcheln hinzufügen, die ein besonders erdiges Aroma mitbringen. Wer es intensiver mag, reduziert den Jus noch weiter, bis er sirupartig wird. Ein Teelöffel gemahlener Kaffee, in der letzten Kochphase zugegeben, verstärkt die dunklen Röstaromen ohne einen Kaffeegeschmack zu hinterlassen. Achten Sie darauf, dass die Hitze beim Reduzieren nicht zu hoch ist, sonst kann der Jus bitter werden. Der Jus eignet sich hervorragend zum Verfeinern von Wildgerichten, Rindersteaks oder auch als Basis für eine Pilzrahmsauce.
Passende Weinbegleitung zum Wildjus-Gericht
Da der Wildjus besonders gut zu Wildgerichten und kräftigen Fleischsorten passt, empfiehlt sich ein ebenso charaktervoller Rotwein. Ein Spätburgunder aus Baden oder der Pfalz mit seiner erdigen Note und den Aromen von Waldboden harmoniert perfekt mit den Pilz- und Wacholdernuancen des Jus. Alternativ bietet sich ein Dornfelder mit seiner fruchtigen Fülle an, der die Preiselbeernote aufgreift. Für besondere Anlässe passt auch ein gereifter Lemberger aus Württemberg, dessen würzige Komplexität die vielschichtigen Aromen des hausgemachten Jus unterstreicht. Die Weine sollten Zimmertemperatur haben und idealerweise eine Stunde vor dem Servieren geöffnet werden, damit sie atmen können.
Zusätzliche Info
Die Tradition des Wildjus reicht zurück in die Zeit der französischen Haute Cuisine des 19. Jahrhunderts, als Auguste Escoffier die klassischen Saucen systematisierte. Anders als die mit Mehl gebundene Sauce wird der Jus ausschließlich durch langes Reduzieren konzentriert, was ihn leichter und gleichzeitig intensiver macht. In deutschen Jagdhütten und Forstgasthöfen gehörte selbstgemachter Wildjus schon immer zur Veredelung von Rehbraten, Hirschmedaillons und Wildschweinrücken. Die Verwendung von heimischen Wildkräutern und Waldfrüchten wie Wacholder, Preiselbeeren und Pilzen verbindet die Sauce unmittelbar mit der Natur und dem Terroir. Während früher frische Wildknochen die Basis bildeten, ermöglicht die moderne Variante mit getrockneten Zutaten eine ganzjährige Zubereitung ohne Jagdsaison. Der Unterschied zwischen industriellem und hausgemachtem Jus liegt in der Aromatiefe: Während Fertigprodukte oft auf Hefeextrakte und Glutamat setzen, entwickelt der selbst angesetzte Jus durch stundenlange Reduktion eine natürliche Umami-Note, die jeden Gaumen überzeugt.



